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Erster Entwurf für Tagespresse


 

Ich habe mich über die Anfrage des Dorfvereins Sulz Rickenbach: am 1. August 2016 die Festansprache zu halten, sehr gefreut. Nachstehend der Originaltext:

 

Bundesfeierkomitee Damenriege und Dorfverein Sulz und Rickenbach - 1. August 2016

Ansprache: Klaus Ruthenbeck, Autor und Kolumnist, Rickenbach-Sulz

 
Hallo, gruezi Mitenand

guten Abend liebe Festgemeinde, liebe Rickenbacherinnen und Rickenbacher, liebe Gäste - herzlich willkommen heute am 1. August zur diesjährigen Bundesfeier hier oben oberhalb von Rickenbach auf dem Chrameschberg, unserem Ersten-August-Fest-Platz.

1291 ist als Gründungsjahr der Eidgenossenschaft dokumentiert, aber was die meisten, speziell diejenigen, die noch im Berufsleben stehen besser in Erinnerung haben, ist das Jahr 1994, denn seit diesem Jahr ist der 1. August in der gesamten Schweiz ein nationaler und arbeitsfreier Feiertag.

An diesem Tag werden tausende Würste gegrillt und mit Genuss gegessen, werden viele Flaschen Wein und Bier ausgeschenkt, die Flaschenanzahl aber zum Glück nicht gezählt, es werden Höhenfeuer liebevoll aufgebaut und mit Einbruch der Dunkelheit angezündet - ja - und es werden hunderte von Reden gehalten, in allen Landessprachen, in deutsch, französisch, italienisch, rätoromanisch und heute Abend auch in Schriftdeutsch.

 

Es ist ganz sicher jedem hier in der Runde sofort aufgefallen, dass meine Sprachheimat nicht im Raum Zürich, Basel und auch nicht in Bern liegt - richtig ist, dass ich im nördlichen Nachbarkanton, etwas oberhalb des Weisswurstäquators im Sauerland geboren und aufgewachsen bin. Aber meine ersten Kontakte mit und in der Schweiz hatte ich schon mit 15 Jahren. Mit einem Schulfreund haben wir eine grössere Velotour Richtung Süden gemacht und diese ging auch durch Teile der Schweiz. Wir kamen aus Italien über Lugano in die immer schöner werdende Schweiz -  und dann in Biasca mussten wir uns entscheiden, nehmen wir den Weg über die Tremola, also über die alte Gotthardstrasse oder über den Lukmanier-Pass, der damals teilweise noch eine Naturstrasse war. Uns war sofort klar, wir nehmen die Lukmanier-Route weil das einige Kilometer weniger zum Schieben waren. Trotzdem mussten gut 30 Kilometer bis zur Passhöhe überwunden werden. Und als wir dann völlig kaputt oben ankamen und endlich wieder in den Sattel konnten, waren wir fast zu Müde um in Dissentis zu bremsen um in der dortigen Jugendherberge mehr als müde ins Bett zu fallen. Meine letzten Gedanken vor dem Einschlafen waren damals: Wenn ich dann mal gross bin und eventuell ein Auto habe, dann möchte die ganze Velostrecke durch die schöne Schweiz noch einmal, allerdings ohne Schweisstropfen auf der Stirne, abfahren.

 

Schon damals nahm ich auf dieser Velotour durch die Schweiz Dinge war, die mich beeindruckten und die für mein späteres Leben wegweisend waren. Ich erlebte die Schweiz, ja, ich erlebte sie wirklich wie ein Paradies  -   aber vielleicht versteht ja jeder etwas anderes unter einem oder seinem Paradies. Mir war und ist heute noch wichtig: im Paradies muss es schön sein, im Paradies muss es sauber sein, In meinem Paradies muss ich die Natur mit ihren Wiesen, Äckern, Wäldern, Getreideflächen, Obstplantagen, Gemüsebeeten und Blumenvielfalt fühlen, schmecken und riechen können, und es muss auch die Heimat für viele grosse und kleine Tiere sein. In meinem Paradies gibt es grosse und kleine aber saubere Seen und hohe und auch sehr hohe Berge. In meinem Paradies muss es friedlich sein, da müssen nette und freundliche Paradieser wohnen, in meinem Paradies, ja, da muss man sich sofort wohlfühlen.

Auf meiner damaligen Velotour habe ich alle diese Eigenschaften erleben dürfen. Die Schweiz war und ist auf jedem Kilometer traumhaft schön, einfach wunderbar - und auch sauber, eben gepflegt - und wir leisten uns das - zum Glück.

Ich erlebte auch mehr als nette und freundliche Menschen in diesem Paradies, eben richtige Schweizer. Zum Beispiel kurz vor Biasca, es war um die Mittagszeit, es war sehr heiss und wir brauchten eine kurze Pause - und Hunger hatten wir auch. Wir hielten in einer Nebenstrasse vor einem grösseren Vierfamilienhaus. Zufall oder Fügung, im ersten Stock schaute eine Frau aus dem Fenster, die zum Glück deutsch sprach und hübsch war sie auch. Als wir hielten und abstiegen, fragte sie ob wir nicht wüssten wo es weiter geht. Freundlich und etwas verlegen lachend, fast schon stotternd rief ich zurück:  Nein, das ist nicht unser Problem, wir sind etwas müde und haben einfach nur Hunger aber fast keine Franken mehr. Kein Problem rief auch sie lachend zurück und da gerade Mittagszeit war, brachte sie nach wenigen Minuten zwei Teller mit Reis, Gemüse und zwei aufgeschnittene Wurststückchen in den Hof. Natürlich war auch ein Becher Süssmost auf dem Tablett. Wir setzten uns auf eine Treppenstufe vor dem Eingang, genossen ein köstliches Essen und hatten das Gefühl im einem 5-Sternehotel verwöhnt zu werden. Diese Freundlichkeit, Spontanität und Hilfsbereitschaft empfand ich als ganz toll und einmalig. Ich wollte unsere nette Schweizer Gastgeberin als Dank vor Freude küssen und umarmen, aber das wäre dann für einen Fünfzehnjährigen wohl doch noch nicht das Richtige gewesen.

Aufgefallen sind mir auch die Schlagzeilen in den Tageszeitungen. Sie waren nicht mit so grossen Buchstaben und nicht mit so reisserischen Titeln aufgemacht. Alles wirkte friedlicher, neutraler und sachlicher, als ich es aus dem Norden Deutschlands her kannte. Und wenn ein Paradies ein Gefühl des Wohlseins ausstrahlen soll, dann habe ich das damals schon  genau so und von Anfang an so empfunden. Eigentlich war auch schnell für mich klar, bewusst oder unbewusst: Ich möchte irgendwann auch ins Paradies und in dieser schönen Schweiz wohnen und leben.

Als ich dann kurz nach Abschluss meiner Erstausbildung in Bochum vom Staat den Einrückungsbefehl zum Militär, zur Rekrutenschule bekam, habe ich gewusst: Klaus jetzt musst du neue Weichen stellen. Die damals gültige Rekrutenzeit von 15 Monaten habe ich als Freiheitsberaubung angesehen und weil Krieg spielen schon damals nicht mein Ding war, wollte ich nicht zum Militär, im Gegenteil, ich wollte doch ins Paradies.

Mit einem administrativ bedingten Umweg über England bin ich dann beim Rieter in Winterthur gelandet. Als ich zum ersten Vorstellungsgespräch am Winterthurer Bahnhof ankam und vor der damaligen Epa stand und keine Berge sah, war ich schon etwas enttäuscht und fragte einen neben mir, auch auf den Bus wartenden, Passanten: Ich bin doch jetzt in der Schweiz, aber wo sind denn hier die Berge, die ich in so guter Erinnerung hatte? Der schon etwas ältere Herr schaute mich an, lächelte und sagte ganz locker: da hinter der Archkäsestube sind in wenigen Kilometern die Berge, aber von hier leider nicht zu sehen. Ich hatte keine Zeit zum enttäuscht sein, denn der Bus nach Töss war kurz vor der Abfahrt. Und wenige Tage später hatte ich eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung und trat meinen ersten Job in der Schweiz an. Zugegeben, die ersten Tage, ja Wochen waren nicht leicht, denn ich fand in keiner Buchhandlung einen Diktionär, der mir geholfen hätte das Zürichdeutsch zu übersetzen. Aber es wurde besser und besser und schon bald sprach ich mein ganz persönliches Assimilationsdialekt und streute immer öfter Worte ein, wie: mol mol, en guete mitenand oder gut is es gsi .. Verstanden hat man mich - aber auch immer etwas geschmunzelt.

Ja mein Schweizer Assimilations-Deutsch hätte mir fast einmal Probleme bereitet und zwar bei unserer Einbürgerung hier in Rickenbach. Es war zu der Zeit als Emil mit dem Film Schweizermacher grosse Erfolge feierte. Wir sassen vor der Einbürgerungskommission, beantworteten brav die obligatorischen Fragen und zum Schluss machte mich der Präsident höflich aber unmissverständlich darauf aufmerksam, dass mein Schweizer Deutsch sehr schlecht ist und eigentlich nicht für die Einbürgerung ausreicht - aber, fuhr er fort, weil deine Frau ja schon fast perfekt Schweizer Deutsch spricht kannst du daheim mit ihr noch etwas üben und darum bürgern wir dich halt doch als zahlender Ehemann auch ein. Er zwinkerte mir zu und wir lachten dann alle - aber viel gesagt habe ich dann später beim Glas Rotwein im Wiesental nicht mehr.

Verständlich, dass es mich natürlich freut, heute hier mit ihnen den 1. August feiern zu dürfen. Ja, so habe ich mir im 1983 mit einem roten Pass den Eintritt ins Paradies gekauft, aber das Geld war es bis heute mehr als wert.

Aber zum Glück gibt es in diesem Paradies auch noch sehr viel ohne Eintrittsgeld zu sehen und zu bestaunen. Auf einem Höhenweg oberhalb des Beatenberges im Berner Oberland machten wir auf einer Bank eine kleine Pause. Vor uns der Thunersee und darüber im Hintergrund das Dreigestirn Eiger Mönch und Jungfrau, teilweise bis an die Waldgrenzen noch mit Schnee bedeckt. Wunderbar, es gibt nichts Schöneres, zu mindestens empfand ich das in dem Augenblick für mich so. Plötzlich hörte ich neben mir eine sonore hochdeutsche männliche Stimme sagen: Der Blick einmalig und dann noch gratis, wo hat man das noch? Ich drehte mich um und sagte: Hier im Paradies, in unserer Schweiz. Diese Begegnung im Berner Oberland mit der Bemerkung: so schön, einfach nur herrlich und alles ohne Eintritt, hat mich schon berührt und darum habe ich diese Geschichte in eine meiner Kolumnen eingebaut.

Ebenso wie eine Kurzgeschichte über diese Bank da vorne, von der man eine wunderschöne Aussicht auf die Reben und unser Dorf Rickenbach hat. Aber das Herzstück dieser Geschichte ist die Schweizer Fahne neben der Bank. Die ist nämlich nicht nur heute aufgezogen, sondern sie weht an jedem Tag hier oben und erinnert alle vorbei Kommenden daran, dass sie sich auf einem Weg durch die paradiesische Schweiz befinden, zu der auch unser Rickenbach gehört.

In vielen Reden wird heute am 1. August über vieles geredet. Sicher ist vieles richtig und wichtig - vieles wird aber auch zerredet und einige wollen über alles auch nur mitreden. Mir war heute wichtig, über etwas Schönes, über etwas Friedliches über etwas Schützenswertes, über etwas mit Wohlfühleffekt zu sprechen - eben über unser Paradies - über unsere Schweiz.

Danke, dass ich hier leben - und die Paradiesluft riechen, sehen, hören, fühlen, schmecken und atmen darf. Ein gutes Gefühl. Geniessen sie mit mir diesen Augenblick heute und hier im Rickenbacher Paradies - aber warum nur heute, geniessen sie es auch morgen und übermorgen

Danke, merci und tschüss

 

 

 

 

NEU ab Februar 2015 auch in: GENERATION SUPERIOR
- Nicht jeder wird Grossvater. Ich wurde es. Danke

- Inzwischen erschien in jedem Folgeheft ein Artikel von mir. Unter Generation Superior nachlesbar.


A. Folgende Zeitungsartikel wurden veröffentlicht:

  

im Andelfinger 2015